Hintergrund Creative Class Escorts

DSCF7479
Im Industrieviertel besteht ein Spannungsfeld zwischen florierenden Wirtschaftsräumen und Regionen, die unter dem Niedergang ehemaliger Industriebetriebe leiden und für die noch nach neuen Konzepten für mögliche Erwerbsarbeit gesucht werden muss. Es stellt sich die Frage, welche Arbeitsmodelle in Zukunft überhaupt noch funktionieren können, denn klar ist: Berufe verschwinden. Flexibilität und Mobilität sind die zentralen Anforderungen von Industrie und Wirtschaft an die arbeitende Gesellschaft, die daher immer auch gefordert ist, sich den sich im permanenten Wandel befindlichen Verwertungsinteressen einer auf den Prinzipien permanenter Veränderung und Marktanpassung errichteten Ökonomie zu unterwerfen.

Mit dem Projekt „Creative Class Escorts“ möchte die Lord Jim Loge powered by monochrom Möglichkeiten der Flexibilisierung und Mobilisierung im Bereich kreativer Arbeit ausloten und zur Diskussion stellen. „Creative Class Escorts“ versteht sich als ein künstlerischer Servicebetrieb: Für die Dauer des Projektes leben die kuratierten Künstler_innen als „Creative Escorts“ in Räumlichkeiten des Symposium Lindabrunn. Von hier aus wird eine Website betrieben, auf der nach dem Vorbild klassischer Escort Services die angebotenen Dienstleistungen und Referenzen der Escorts vorgestellt und beworben werden. Wird ein Escort bestellt, wird er vom agentureigenen Fahrdienst mit dem „Hackbus“, der mit allem ausgestattet ist, was vor Ort benötigt wird, zum Einsatzort gebracht. Auch die Zahlungsabwicklung wird vom Fahrdienst übernommen. Die Bezahlung ist tariflich geregelt. Im Unterschied zu den intimen Tätigkeiten klassischer Escort Services finden die Einsätze der „Creative Escorts“ an öffentlichen Plätzen und im Beisein von Publikum statt. Die Lösung der jeweils an sie gestellten Aufgabe soll so als ein Prozess begriffen werden, der alle angeht, auch wenn es sich um ein individuelles, gestalterisches Problem der Kund_innen handelt.

Kreative Arbeit sieht sich ebenfalls mit einem Wandel konfrontiert. Auch sie muss sich einem steigenden Mobilitätsbedürfnis anpassen – nicht nur dem ihrer Kund_innen, sondern ebenso der Tatsache, dass die Bedingungen ihrer Verwertung in Fluss geraten sind.

Kreative Arbeit hat im Prinzip eine nomadische Form. Stets muss sie genau da vor Ort sein, wo Nachfrage nach ihr besteht. Bislang haben die Kreativen ihre Mobilität selbst organisiert. Zu wissen, wo sie gebraucht wird, Aufträge zu akquirieren und ihren Einsatz zu koordinieren, bedeutet jedoch einen erheblichen Mehraufwand, der sie von ihrer eigentlichen Arbeit ablenkt. Dies könnte allerdings auch die Aufgabe eines eigenen Dienstleistungsunternehmens sein, das die Kreativarbeiter_innen entlastet und ihnen gewissermaßen den Rücken freihält.

Zu den Aufgaben einer Kreativ-Escort-Agentur gehört es jedoch nicht nur, das Angebot zu organisieren. Sie muss auch die Nachfrage stimulieren. Kleine und mittelständische Unternehmen an der Peripherie wissen nämlich möglicherweise gar nicht, an wen sie sich wenden können. Ihre Gründung oder Umgestaltung muss kreativ begleitet werden, aber oft steht ihnen dafür keine kompetente Hilfe zur Verfügung. Manchmal sind sie sich nicht im Klaren darüber, was sie eigentlich brauchen und welche Bereiche ihres Geschäftsmodells nach professioneller Gestaltung auf Höhe der Zeit verlangt. Ihre Außendarstellung und ihre Werbemittel setzen sie nicht selten ungeschickt und manchmal vielleicht sogar kontraproduktiv ein. Eine Vermittlungsagentur für Kreativität kann hier eine beratende Funktion einnehmen und ihnen dabei helfen, herauszufinden, was sie wirklich wollen und wen sie dafür brauchen.

Regionen im Umbruch benötigen also kreative Hilfestellung – im Großen wie im Kleinen. „Creative Class Escorts” möchte sie unterstützen und kompetente Kreativberatung dorthin bringen, wo sie gebraucht wird, und zwar als ein temporäres Angebot, das sich zurück- und weiterzieht, wenn es sich selbst erst einmal überflüssig gemacht hat.

Der Kreativsektor ist eine Schlüsselindustrie der Gegenwart. Nicht selten wird er als Versprechen auf eine bessere Zukunft für ganze Regionen gehandelt. Allerdings benötigt auch er Strukturen, um Kreative und ihre Kund_innen anzulocken. Beide müssen auf jene Randlagen aufmerksam werden, die Ansiedlungspotential für kreative Dienstleistungsbetriebe bietet. In den Metropolen ist der Kreativmarkt ohnehin überlaufen. Die Frage ist nur, wie lässt sich eine Infrastruktur schaffen, die den Bedürfnissen sowohl der Kreativen als auch ihrer Kund_innen entspricht?

Die Lord Jim Loge ist seit den 1980er Jahren ein Mythos. Ihre Gründer – Jörg Schlick, Martin Kippenberger, Albert Oehlen und der Autor Wolfgang Bauer – hatten sie bewusst als solchen angelegt und gepflegt. Um ihn zu erhalten, vererbte Schlick die Lord Jim Loge – kurz vor seinem Krebstod im Dezember 2005 – an monochrom. Er wünschte sich, dass die Übergabe als „feindliche Übernahme“ inszeniert würde. Dieser Idee folgend kam es 2006 zum Relaunch als Lord Jim Loge Powered by monochrom. Seither bemüht sich die neue Lord Jim Loge darum, andere Künstler_innen und Kunstgruppen zu übernehmen und marktförmig umzustrukturieren. Die zunehmende Ökonomisierung des Kunstmarktes wird dabei durch Scheinaffirmation und ein betont marktorientiertes Auftreten thematisiert.